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Der Lieblingskollege
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Mittwoch, 11.06.2008 04:41 Uhr
Ines Kistenbrügger Sabet
Der Lieblingskollege
Ich gebe zu. Ich habe einen Lieblingskollegen. Einen Kollegen, der schon eher ein Freund ist. Wir treffen uns zum Feierabendbier und reden nicht nur ein bis zwei Stunden, wir verbringen den ganzen Abend miteinander.
An sich sind Freundschaften toll. Ich habe gerne Freunde und ich lerne gerne neue Menschen kennen.
Warum warne ich aber trotzdem davor, zu enge Bindungen mit Kollegen einzugehen?
Ein Lieblingskollege ist wie eine beste Freundin. Man freut sich, sich morgens zu sehen, man geht zusammen zum Kaffee holen. Man tratscht und lacht und kennt jede kleine Schwäche und Stärke des anderen. Eventuell schickt man sich private Emails oder manchmal lacht man in Team Meetings gemeinsam über Insider-Witze, die andere einfach nicht verstehen.
Kling gut?
Nun ja. Natürlich predige ich immer wieder wie wichtig es ist, mit seinen Kollegen gut auszukommen. Auch Bürofreundschaften sind toll. Aber eine beste Freundin? Die sollte schön woanders arbeiten.
Warum eigentlich?
Wer eine beste Freundin im Büro hat, der bewertet zwangsläufig alle anderen negativer. Eine beste Freundin hat andere Aufgaben. Einer Freundin vertraut man Geheimnisse an, erwartet Stillschweigen und bei einer Busenfreudin darf man sich auch mal hemmungslos ausjammern.
Und da sollten spätestens alle Alarmglocken läuten. Ausjammern hat am Arbeitsplatz nichts zu suchen. Andere Kollegen abgrenzen ist schlecht für das Teamzusammengehörigkeitsgefühl. Das eigene Networking leidet, weil man der besten Freundin immer zuerst verpflichtet ist.
Zwickmühlen sind vorprogrammiert.
Irgendwann wird man immer an dem Punkt ankommen, wo man sich entscheiden muss. Sie oder der Job. Die eigene Beförderung oder die Freundin. Selten bleibt alles so gut und schön, wie es am Anfang war. Wie bei einer Affäre oder einer Büroromanze. So viel Unterschied ist da nicht. Bestimmte Dinge sind dazu bestimmt privat zu bleiben.
Wie wirkt ein Zweigespann auf andere?
Oh ja, wir kennen sie alle noch aus der Schule und hatten wahrscheinlich auch selbst einen "Zwilling". Man zog in Zweierpaaren einher. Jede hatte eine beste Freundin und man schwor sich ewige Freundschaft. Manchmal war es toll. Manchmal nicht. Vor allem aber, hat man doch eigentlich diese Zweiergespanne gehasst. Ich zumindest. Immer musste man vorsichtig sein, nicht Grenzen zu übertreten. Neue Kontakte zu treffen war unmöglich, da immer die andere beste Freundin mit musste oder man sich selbst verpflichtet fühlte, die eigene beste Freundin mit einzuladen.
Und wie war das noch, wenn man Solo blieb. Ohne Anhang. Ohne Zwilling? Auch nicht besser. Sofort wurde man kritisch beäugt. Irgendetwas faul? Bestimmt, sonst würde ja jemand da mit der befreundet sein wollen.
Schulhofpolitik am Arbeitsplatz
Zum Lachen ist es schon. Aber so ist es. Bei Kollegen sollte man sich nicht als Zweiergespann präsentieren. Alles andere wird mit Skepsis beobachtet oder schadet eventuell dem eigenen Netzwerk innerhalb der Firma.
Heute im Auto
... hatte ich nichts besseres zu tun als meinen Kollegen anzurufen, weil ich vergessen hatte, ihm zu berichten, was ich für ein neues Gerücht zum Thema Entlassungen gehört hatte. Ich hatte noch nicht einmal den Firmenparkplatz verlassen.
Wir redeten 30min.
Beim Auflegen merkte ich, dass manchmal zu viel Vertrautheit und Freundschaft einfach nicht gut sein kann. Ich werde nun ein wenig Distanz üben. Das wird schwierig.
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